Seite 141

Typus
Bauernopfer
Quelle
Oser 1976
Dissertation:
Seite: 141, Zeilen: 01-32
 
Fundstelle:
Seite(n): 323, Zeilen: 05-32
 
1. Der moralische Realismus entsteht aus dem Zusammentreffen des Zwangs der Eltern mit dem intellektuellen Egozentrismus des kindlichen Denkens. Dieser äußert sich in der Schwierigkeit, die Wahrheit zu sagen; das Kind verändert die Wahrheit aufgrund seiner Bedürfnisse. Das realistische Denken des Kindes hat zur Folge, daß es auf moralischem Gebiet weniger die verborgene Absicht, denn das äußerliche und sichtbare Element einer Handlung betont. Die Verdinglichung abstrakter Gesetzmäßigkeiten führt zudem zu einer einseitig materiellen Sichtweise.
2. Der Egozentrismus des Kindes und damit auch die objektive Verantwortung werden verstärkt durch eine betont autoritär ausgerichtete Erziehung. In ihr kann das Kind keine innere Beziehung zur Regel ausbilden, da sie immer als äußerer Zwang und darin meist unverständlich auftritt.
3. Aus der Erkenntnis, “daß die Wahrhaftigkeit für die Beziehungen gegenseitiger Sympathie und Achtung notwendig ist” [FN 1], erwirbt das Kind mit zunehmendem Alter ein autonomes Regelverhalten. “Wenn das Bewußtsein ein Ideal als notwendig erachtet, das von jedem äußeren Druck unabhängig ist” [FN 2], dann scheint nach Piaget eine moralische Autonomie erreicht zu sein.
4. Die subjektive Verantwortung ist das Ergebnis einer Erziehung, in der Regeln dem Kind nicht kategorisch aufgezwungen werden, sondern im Sinne von Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung erklärt werden. [FN 3]
Von diesen Untersuchungen her unterscheidet Piaget eine zweifache Moral, die er auf zwei Bildungsprozesse zurückführt: “Der erste dieser Prozesse ist der moralische Zwang des Erwachsenen, welcher zur Heteronomie und folglich zum moralischen Realismus führt. Der zweite ist [die Zusammenarbeit, welche zur Autonomie führt.” [FN 1]]


[[FN 4, Seite 140] vgl. zu den Geschichten: Piaget,Jean: a.a.O. S. 134/135.

[FN 1] ebd. S. 222.

[FN 2] ebd. S. 222.

[FN 3] vgl. zum Vorangegangenen: Oser,Fritz: a.a.O. S. 323.]

[… [FN 1] …]

‒ Der “Moralische Realismus” entstehe aus dem Zusammentreffen des Zwangs der Eltern mit dem intellektuellen Egozentrismus des kindlichen Denkens. Dieser Egozentrismus äussere sich in der Schwierigkeit, die Wahrheit zu sagen (Pseudolüge: das Kind verändert die Wahrheit aufgrund seiner Bedürfnisse). Da das Kind auf allen Gebieten sehr realistisch denke, sei es natürlich, dass es auch auf moralischem Gebiet mehr das äusserliche und sichtbare Element als die verborgene Absicht betone. Zudem neige es zur Verdinglichung abstrakter Gesetzmässigkeiten, also auch der moralischen Gesetze, woraus eine einseitig materielle Sichtweise resultiere.

‒ Eine betont zwangs- und autoritär-ausgerichtete Erziehung verstärke den Egozentrismus des Kindes und damit die objektive Verantwortung, da die Regel dem Kind so immer unverständlich und äusserlich bleiben müsse, d.h. es könne sich keine innere Beziehung zu ihr herausbilden.

‒ Mit dem zunehmenden Alter erwerbe sich das Kind ein autonomes Regelverhalten, das in der Entdeckung gründe, “dass die Wahrhaftigkeit für die Beziehungen gegenseitiger Sympathie und Achtung notwendig ist”. Eine moralische Autonomie scheine dann erreicht zu sein, “wenn das Bewusstsein ein Ideal als notwendig erachtet, das von jedem äusseren Druck unabhängig ist”.[FN 2]

‒ Die subjektive Verantwortung sei das direkte Ergebnis einer aufgeklärten Erziehung, die dem Kind die Regeln nicht in kategorischer Weise aufzwingen wolle, sondern sie im Sinne der Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung zu erklären […] suche.

Es gibt also grundsätzlich eine zweifache Moral, welche nach Piaget auf zwei Bildungsprozesse zurückgeht […]. “Der erste dieser Prozesse ist der moralische Zwang des Erwachsenen, welcher zur Heteronomie und folglich zum moralischen Realismus führt. Der zweite ist die Zusammenarbeit, welche zur Autonomie führt.


[FN 1] J. Piaget: a.a.O., S.134/135.

[FN 2] ebd. S.222.



Anmerkung
Die Verfasserin verweist in FN 3 zwar zum Vergleich auf Oser (1976), aber neben der Gliederung stammt auch der – mit nur leichten Umformulierungen – sukzessiv übernommene paraphrasierende Text mitsamt Piaget-Zitaten vollständig von diesem. Insbesondere wird auch nach dem Verweis noch weiter übernommen.

Fortsetzung des letzten Satzes auf der nächsten Seite
 

About these ads